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Beziehungskiste
Haussegen
Ein neues Haus ist der verwirklichte Traum seiner Hausherren.
Doch das Haus ist auch eine Beziehungskiste. Sie wirkt auf
ihre Bewohner zurück, prägt und verändert
sie. In unserer Serie beleuchten wir individuelles Leben
in individuellen Häusern.
Heute: Silke Leffler, Lothar Kübler und Sohn Leonhartd
aus Gösslingen.
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Ihr
neues Haus ist ein altes Haus. Es steht auf einem gut
Tausend Quadratmeter großen Grundstück in Gösslingen
bei Rottweil, und Haus wie Garten haben etwas vom Feen-
und Zauberhaften, das viele von Silke Lefflers Kinderbuchillustrationen
und ihre bedruckten Stoffe und Papierarbeiten kennzeichnet:
Die Apfel- und Zwetschenbäume sind krumm und blühend
schön, die Wiese ist voller Blumen, die Kletterrosen
sind auf dem Weg ins zweite Geschoss, wo sich Frau Lefflers
drei Arbeitszimmer befinden. Im Baumhaus von Sohn Leonhardt
(zweieinhalb) macht sich ein blauer Sessel breit, der
Raum in einem Märchen gefunden und Platz für
einen kleinen König geboten haben muss. |
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| Das
Haus selbst misst 280 Quadratmeter, ist trick- und winkelreich
und ein schelmischrespektvolle Mischung aus alt und neu: aus
Fotos, Zeichnungen, Büchern und Fundstücken, die dem
Familienerbe entstammen und den Jahren, die die Textildesignerin
(35) als Kind mit ihren Eltern im südlichen Afrika verbracht
hat. Sie und ihr Mann Lothar Kübler (35), Diplom-Ingenieur,
Export- Wirt und Geschäftsführender Gesellschafter
eines Unternehmens für Sensortechnik, haben das Haus vor
acht Jahren gekauft und verjüngt, ohne das Alte zu ignorieren.
Sie hätten sich auch ein ganz neues vorstellen können.
Aber das hier gefiel ihnen am besten. Die Grünlage beantwortete
Silkes „Sehnsucht nach Ruhe und daraus bezogener Anregung“.
Und ein altes Haus „besaß einfach mehr Charakter
als ein ganz neues, dessen Charme erst wachsen muss“,
wie Lothar sagt. Wohnungen kannten sie beide, etwa aus den Tagen
des Studiums. Diese, vor allem jedoch beider Kindheitserfahrung
„großzügiger, gastfreundlicher Eltern-Häuser“
weckte später wieder den Wunsch nach dem Haus. Namentlich
für Silke Leffler, die Ruhe für Ideen und Raum für
deren Entfaltung benötigt, war ein Haus die bessere Beziehungskiste:
„Der Gewinn an Freiheit durch unser Haus wäre in
einer Wohnung nur bedingt, wenn überhaupt, zu haben gewesen.
Ich hätte ein separates Atelier mieten müssen, was
einerseits Beschränkung und andererseits mehr Belastung
bedeutet hätte. Der Freiheitsgewinn durch das Haus erklärt
sich demgegenüber vor allem mit seiner Größe
und seinem Garten: Das Haus lässt einem mehr Luft zum Atmen.“ |
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Die
20 Quadratmeter große Wohnküche mit dem langen Esstisch,
der ebenso große Esstisch im Wohnbereich sind Treffpunkte
für die Familie und häufig mit Freunden. Auch die
Terrasse und der Garten sind Gesellschaftsräume, wie sie
eine Wohnung nicht zu leisten vermag. Andererseits besitzt ein
Haus wie das von Silke, Lothar und Leonhardt „Fluchtpunkte“,
die ebenfalls Freiheit bieten. Frau Leffler: „Bei Bedarf
hat man seine Privatsphäre, weil der Platz dafür vorhanden
ist. Das schätzen mein Mann und ich sehr. Die Möglichkeit,
aus der Tür direkt in den Garten zu treten, auf Wiesen
und Feldern Rad zu fahren oder zu joggen – das ist ein
großer Gewinn an Wohlbefinden.“
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| Auf
die Frage nach den auffälligsten Veränderungen, die
das Haus für sie in Gang setzte, nennen Silke und Lothar
drei Punkte: „Die größte war, dass uns das
Haus ermöglichte, was wir als Kinder in den Elternhäusern
kannten, aber in einer Wohnung so nie praktizieren konnten:
Wir können Gastfreundschaft wieder leben, ohne mit Enge
bestraft zu werden.“ Die zweite Veränderung beschreibt
Silke Leffler so: „Der Raum, den wir mit Haus und Garten
gewonnen haben, hat uns entspannter werden lassen.“ Auch
den dritten Veränderungs- Punkt kann man mit Händen
greifen – das Haus auf der Höhe ist kein „Don’t
touch me“-Showroom, in dem ultimative Designstücke
versammelt, vielmehr ein Kleinkosmos, in dem seine Bewohner
behaglich zu leben angetreten sind. Übrigens im Wissen
darum, dass nicht nur niemand, sondern nichts perfekt ist. Die
Haus-Frau zu dieser Art Wandel, den das Haus bewirkt hat: „An
einem Haus, noch dazu einem gebrauchten, ist immer etwas zu
tun, aber nie alles zu schaffen. Das hat uns großzügiger
zu uns selbst gemacht. Wir wissen, dass wir weiter damit beschäftigt
sind, das Haus nach unseren Wünschen zu modeln. Wir wissen,
dass manches nicht fertig ist. Doch wir lassen uns davon nicht
abhalten, mit Freunden Platz und Anteil aneinander zu nehmen.“ |
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Silke
Leffler und Lothar Kübler betonen zwar beide, dass Hauseigentum
für sie mit Freiheitszuwachs verbunden ist. In der Beziehungskiste
wollen sich die beiden dennoch nicht zu Gefangenen des Hauses
machen lassen. Eine Gefahr dafür sehen sie auch nicht.
„Gewiss ist man mit einem Haus gebundener als in einer
Wohnung. Zeitlich, weil es immer etwas im Garten oder am Haus
zu tun gibt. Finanziell, weil es auch ein "Sparbüchsle"
ist. In Bezug auf Mobilität, weil man vor Urlaubsantritt
mehr bedenken muss, als wenn man in einer Wohnung lebt. Doch
diese Freiheitsverluste sind alle geringer als die Freiheitsgewinne,
die wir erworben haben.“ Sagt die Frau mit den großen,
warmen, traurigen Augen. Und ergänzt: „Wir fühlen
uns hier so glücklich wie nirgendwo bisher. Trotzdem glaube
ich nicht, dass wir unser Lebtag hier bleiben werden. |
Wir
alle sind im Leben ja irgendwie auf Durchreise, und man
weiß nie, was kommt. Aber ähnlich dem Luther-Spruch
"Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterbe, würde
ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen" haben wir
es mit unserem Haus gehalten. Für heute passt es uns
sehr gut. Wenn Zeiten und äußere Umstände
anderes erfordern, sind wir vorbereitet, unsere Mobilität
und Flexibilität dadurch
nicht einschränken zu lassen.“ Vieles deutet
darauf hin: Silke, Lothar und Leonhardt sind die Genießer,
nicht die Geiseln ihres Hauses. Das macht es so einladend.
Reiner Oschmann
Fotos: Gerd Engelsmann
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